Datenschutz

Erst nach einem Shanghai-Besuch beginnt man zu bemerken, wie fortschrittlich wir in Deutschland in Sachen Datenschutz sind.

In Shanghai gibt es eine RFID-Plastikkarte, mit der man Reisen mit der U-Bahn, mit dem Bus oder in der Taxi bezahlen kann. Die Karte muss sowohl beim Eingang als auch beim Ausgang benutzt werden, so dass man exakte Bewegungsprofile erstellen kann. Falls man mindestens einmal einen Automaten benutzt, um das Geld darauf einzuzahlen, und dabei nicht Bargeld, sondern eine Bankkarte verwendet, kann man die Bewegungsprofile dem Gesamtprofil einer Person zuordnen.

Bei jedem U-Bahn-Eingang ist ein Röntgen-Gerät installiert, der ähnlich wie beim Sicherheitscheck in den Flughäfen das Inhalt der Taschen durchleuchtet. Ein Sicherheitsmitarbeiter sorgt dafür, dass alle Taschen auch zwingend durchleuchtet werden. Ihre Inhalte kann man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einem Bewegungsprofil zuordnen, so dass das Personenprofil nicht nur die Information enthält, wann und wohin man gefahren ist, sondern auch was man dabei hatte.

Steigt man aus und geht man auf die Strasse, wird man mit den Blitzer konfrontiert. Anders als in Deutschland, wo der Blitzer im Strassenverkehr nur im Verstoßfall aktiviert wird, habe ich in Shanghai einige Strassen gesehen, wo jegliches vorbeifahrendes Auto auf allen Spuren der Strasse mit einem Blitzer fotografiert wurde. Benutzt man Gesichtserkennung und vergleicht man das Blitzerfoto mit dem Foto auf der Bankkarte, kann man Personen erkennen und ihr Bewegungsprofil auch überirdisch aufzeichnen.

Jeder Gebäudeeingang, jede Parkhaus-Einfahrt und viele weitere Ecken werden durch Überwachungskameras überwacht. Verbindet man alle Videosignale in ein Netz und benutzt man Gesichtserkennung, kann man die Bewegungsprofile weiter vervollständigen.

Und wenn ich eine Bankkarte einer chinesischen Bank beim Einkaufen benutze, könnte sein, dass die Bank verpflichtet ist, die Transaktionen an den Staat mitzuteilen. Daraus lässt sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schließen, wieviel man verdient und welcher Anteil davon Schwarzgeld ist.

Reist man mit dem Flugzeug, mit dem Zug oder mit dem Fernbus, muss man überall den Pass vorzeigen. Beim Checkin im Hotel sowieso. Man könnte diese Informationen ebenfalls zentral aufzeichnen und die Personenprofile vervollständigen.

An jeder Ecke gibt es einen freien WiFi-Zugang. Das einzige Problem ist nur, dass man vor der Benutztung sich kurz mit seiner Handy-Nummer anmelden muss. Da beim Kauf einer Sim-Karte es zwingend erforderlich ist, den Pass vorzuzeigen, kann durch Aufzeichnung dieser Information nicht nur das Bewegungsprofil vervollständigt werden, sondern auch gespeichert werden, was eine konkrete Person im Internet getan hat. Das letztere ist sowieso stets gewährleistet, egal wie und von wo man das Internet in China bezieht. Durch diese Informationen können Benutzerkonten in den sozialen Netzwerken und bei Taobao oder JD mit den echten Personen verknüpft werden.

Der Rest ist Profilanalyse: trifft ein Profil das andere zum ersten mal, wird es als eine beginnende Bekanntschaft gekennzeichnet. Wird öfters getroffen, entwickelt sich daraus Liebe oder Freundschaft. Daraus lässt sich ein real-life social graph erstellen; und seine Anwendungsfälle sind vielfältig und mächtig.

Insofern könnte der Staat in China über jeden Bürger wissen, wo er wohnt, was er tut, wen er liebt, wie seine Gesundheit ist, und auch vorhersagen, was er in der nächsten Stunde, Tag oder Woche tun wird.

Ich schreibe bewusst überall “kann”, “könnte”, weil zum einen das oben beschriebene eine kostspielige und technisch nicht-triviale Aufgabe ist, und zum anderen ich keine Anhaltspunkte habe, dass der chinesische Staat das tatsächlich tut. Allerdings existiert meines wissens in China auch keine funktionierenden Mechanismen, die die Macht des Staates an dieser Stelle hätten wirksam begrenzen können.

Die 10 Tagen in China waren wohl die am besten dokumentierten und protokollierten Tage in meinem Leben. Und es gibt meines Wissens keine Option, dieses Konto löschen zu lassen.

 

Categories

Recent Tweets

  • New blog post: How to merge, 3/3 http://t.co/gFjDEJVs 5 years ago
  • Oh boy, how quick time goes by. Do you recognize that puppy toy language of 90ies in this young dynamic professional http://t.co/J4k53xn4 5 years ago
  • New blog post: How to merge, 2/3 http://t.co/wXIUAEZZ 5 years ago
  • New blog post: How to merge, 1/3 http://t.co/1lOQUp56 5 years ago
  • Just posted a photo http://t.co/pCUA758O 5 years ago

Follow Me on Twitter

Powered by Twitter Tools

Archive